Buchempfehlungen von Freund*innen des kultursalons

Klaus Hess vom Informationsbüro Nicaragua hat diese Empfehlung geschickt:

 

Indigene Autonomie in Mesoamerika. Im Widerstand gegen Vertreibung und Dominanzkultur.

nahua script 17 (Februar 2020)

 

 

Der neu erschienene Sammelband aus Wuppertal gibt indigenen Völkern in Mesoamerika, insbesondere in Nicaragua, Guatemala, Honduras und Mexiko, das Wort und beschreibt ihren Kampf um Land und die Verteidigung der Natur gegen Vertreibung und Landraub. Dargestellt werden indigene Organisationsformen, ihr Widerstand gegen kulturelle, wirtschaftliche und politische Bevormundung sowie Rechte und Grenzen staatlicher und supranationaler Regulation. Mit Interviews, Analysen, Kampagnen, Solidaritätsbeispielen, Serviceteil und Spendenaufruf.

Die Themen:

Der Konflikt um indigenes Land an der Nicaraguanischen Atlantikküste und im Zentralland;

Erinnerungen an Berta Cáceres,

Die Garifuna-Gemeinden in Honduras,

Charter Cities“ als Entwicklungsmodell,

Die Verteidigung der Territorien durch das Comite Campesina in Guatemala,

Autonomie und Indigener Widerstand im Konflikt mit der neuen mexikanischen Regierung,

Die menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen und die Rechte indigener Völker.

 

Das Buch hat 124 Seiten mit teils farbigen Fotografien und Karten, kostet 8€ zuzüglich Porto und kann beim Informationsbüro Nicaragua in Wuppertal bezogen werden: info@informationsbuero-nicaragua.org.

 

Das Buch eignet sich auch gut für örtliche Veranstaltungen im Kontext von Klimagerechtigkeit, lokaler Autonomie und internationalen Konzernaktivitäten. Das Redaktionsteam hat bereits mehrere Leseveranstaltungen durchgeführt. Die im No10-Kultursalon geplante Veranstaltung muß wegen Corona auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden oder findet als Webinar statt.


Katrin Peters hat einen Lesetipp – vielen Dank!

 

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

 

Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben. Immer, wenn der alten Selma ein Okapi im Traum erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Wen es treffen wird, ist allerdings unklar. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, handelt dieser Roman. Vor allem erzählt er von Menschen, die alle auf ihre Weise mit der Liebe ringen: gegen Widerstände, Zeitverschiebungen und Unwägbarkeiten – ohne jemals den Mut zu verlieren.

 


Mandana Heydari hat einen Lesetipp geschickt, vielen Dank, Mandi!

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war

 

Wer in diesen Zeiten einmal etwas Vergnügliches lesen möchte, möge sich Joachim Meyerhoffs "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" zu Gemüte führen. Der Protagonist erzählt so lebendig und mitreißend von seiner Kindheit, vom Miteinander mit seinen Brüdern und besonders von seinem Vater, dem Direktor einer Psychatrie, auf deren Gelände die Familie lebt, dass ich immer wieder vor Lachen weinen musste – so erging es mir zuvor bei keiner Lektüre!


Felicitas empfiehlt:

 

"Transatlantik" von Colum McCann

 

Dublin 1845: Der amerikanische Abolitionist Frederick Douglass, ein Schwarzer, reist durch das von Hungersnot gepeinigte Irland. Neufundland 1919: Die beiden Flieger Jack Alcock und Arthur Brown unternehmen den ersten Nonstopflug über den Atlantik mit Kurs Irland. New York 1998: US-Senator George Mitchell verlässt seine Famile, um in Belfast den Abschluss der nordirischen Friedensgespräche zu erkämpfen. “Transatlantik” verwebt diese drei historischen Momente mit dem Schicksal dreier Frauen: Der Geschichte der irischen Hausmagd Lily Duggan, in der Frederick Douglass die Liebe zur Freiheit weckt (und die deshalb in die USA emigriert), folgt die ihrer Tochter Emily und ihrer Enkelin Lottie in den USA und später zurück auf die Insel. Ihr Leben spiegelt den Verlauf der bewegten Nationalgeschichte Irlands.

Sehr gut recherchierter historischer Roman bis in die jüngere Vergangenheit. Am meisten hat mich die Episode über den nordirischen Friedensprozess mit US-Senator George Mitchell beeindruckt, aber auch die Beschreibung der Hungerkatastrophe in Irland und der Vergleich mit der Sklaverei in den USA.


Wolf Christian von Wedel Palow empfiehlt:

 

"Die Nacht von Dar es Salam" von Hermann Schulz

 

Ein junger Mann, einziger Sohn auf einem kümmerlichen Bauernhof, verlässt eines Tages, ohne Abschied zu nehmen, seine Eltern, um anderswo sein Glück zu versuchen. Mit diesem Sprung aus der Enge der erwarteten Zukunft entrollt sich ein Drama, das sich in dieser oder ähnlicher Form immer wieder abspielen wird. Treibende Kräfte sind stets die Suche nach Glück, das nagende Gewissen und das Streben nach Bewährung. Ein Allerweltsgeschehen also, aber wenn sich ein einfühlsamer Erzähler der Geschichte annimmt, kann daraus große Literatur werden.

Josef Conrad hat das mit seinem Roman Lord Jim bewiesen. Jim ist der Erste Offizier auf der Patna, der nach einer Kollision mit einem unsichtbaren Wrack mit Kapitän, Zweitem Offizier und weiteren Besatzungsmitgliedern von dem vermeintlich sinkenden Schiff in das Rettungsboot springt und damit die an Deck noch schlafenden Mekkapilger dem erwarteten Untergang überlässt. Er verliert sein Patent, verdingt sich in ostasiatischen Hafenstädten als Hafenagent, immer darauf bedacht, nicht als der große Versager wiedererkannt zu werden, und verkriecht sich irgendwann in den malaiischen Busch, wo er zum Beschützer eines Eingeborenenstammes aufsteigt, aber schließlich von seiner Vergangenheit eingeholt wird, als das Dorf von einer Seeräuberbande bedroht wird. Den Bewohnern gelingt es, die Bande festzusetzen. Aber Jim setzt überraschend ihre Freilassung durch, nachdem er in dem Anführer, und der in ihm, einen Schicksalsverwandten erkannt hat, einer so miserabel wie der andere. Der befreundete Häuptlingssohn, der weiter unten am Fluss Wache hält, stirbt im Kugelhagel der abziehenden Seeräuber, vielleicht ihre Rache für das Scheitern des Raubzugs. Der Häuptling rast vor Verzweiflung über den Verlust des einzigen Sohnes. Jim hätte fliehen können – wie damals beim Sprung von dem vermeintlich sinkenden Schiff. Aber diesmal stellt er sich, den sicheren Tod vor Augen.

Die Nacht von Dar es Salaam von Hermann Schulz erzählt eine weniger dramatische, weniger abenteuerliche, aber ebenso ergreifende Geschichte. Sie handelt von Richard May, dem erwähnten Bauernsohn, der seine Eltern ohne Abschied verlassen hat und nach Wochen der Unbehaustheit im Duisburg der 1920er Jahre zufällig in die Fänge einer rheinischen Missionsgesellschaft gerät, die ihm anbietet, ihn zum Missionar auszubilden und anschließend nach Tanganjika zu schicken. Anders als Conrad, der den Leser gern mit einer psychologischen Suada vom eigenen Denken abhält, sieht Schulz oder vielmehr sein Icherzähler Ndasenga, der schwarze Boy des deutschen Missionars, den Menschen nicht hinter die Stirn. Ndasenga fragt sich zwar oft, was seinen Herrn wohl zu dieser oder jener Handlung bewegt hat, aber er weiß keine Antworten. Bis zum Ende seines Berichts wird er sich nicht ganz klar, warum Richard nach Afrika gekommen ist, ob er nicht doch, statt zu missionieren, lieber Gold an sich gerafft hätte wie die anderen Weißen. Dass ihn Gott geschickt habe, wie Richard beschwört, kann er ihm nicht ganz glauben. Und auch der Leser kann es nicht ganz glauben. Entscheidend ist, nicht nur Ndasenga, auch der Leser kommt ins Grübeln. Das ist die Stärke des Romans, die Vermeidung fertiger Antworten zu dem großen Thema, was wohl die Weißen in Afrika suchen.

Man könnte meinen, dass Schulz diese den Leser fordernde Struktur seines Romans nur deswegen so gut gelingt, weil er einen Schwarzen, noch dazu einen nur durch die Schule Richard Mays gegangenen Dorfjungen, erzählen lässt, mag der auch zum Zeitpunkt der Niederschrift seines Berichts bereits pensionierter Lehrer gewesen sein. Was verstehen denn Afrikaner von Psychologie? Sind sie überhaupt fähig zu abstraktem Denken? Natürlich nicht! Und weil ihnen diese Fähigkeit abgeht, können sie allenfalls Fragen stellen, aber keine Erklärungen liefern für menschliche Handlungen. Man könnte also schnell bei der Hand sein mit einer rassistischen Begründung, warum es Schulz so gut gelingt, die ausgetretenen Pfade langatmiger psychologischer Deutungen zu meiden. Aber Ndasenga als Erzähler einzusetzen war keine Krücke, sondern ein Glanzlicht der Erzählkunst, deren Stärke gerade darin liegt, dass sie den Leser zum Nachdenken über die ungelösten Fragen veranlasst.

Deswegen zielt auch Regina Riebe in ihrer Besprechung am Kern des Buches vorbei, wenn sie Zweifel anmeldet, ob ein junger Mann schon damals „Bücher über Kolonialtheorien zur Behandlung der Schwarzen gelesen haben“ könne. Es sind berechtigte Zweifel. Aber als Ndasenga den Bericht niederschrieb, war er schon alt und hatte Zeit genug, sich intensiver mit der ihn umtreibenden Frage zu befassen, was die Weißen in Afrika suchten. Auch was die Weißen über den richtigen Umgang mit den Schwarzen dachten, gehörte natürlich zu diesem Thema.

Aber man würde den Roman gründlich missverstehen, wenn er wie ein Kompendium über den Kolonialismus gelesen würde, als ein Stück Kolonialgeschichte, wie Regina Riepe das Buch klassifiziert. Der Roman handelt vielmehr von der Tragödie einer gescheiterten Bewährung. Bis zum bitteren Ende plagt Richard das Schuldgefühl gegenüber seinen Eltern. Mit der Mission will er Abbitte leisten. Und er leistet sie mit Bravour, wird ein geachteter Mann in der ihm zugewiesenen Region. Aber dann wird er an das Sterbebett von Mama Ntitihera gerufen und muss hier erleben, wie die Heidin seine Antworten auf die Frage, warum wir Menschen hier auf der Erde seien, Stück für Stück als angelernte Sprüche entlarvt. Er fühlt sich leer nach diesem Gespräch, das in vielem der Verhandlung Jims mit dem Anführer der Seeräuber bei Conrad entspricht. Richard kündigt der Missionsgesellschaft wenige Tage danach und macht mit einem irischen Missionar eine Handelsgesellschaft auf, die quer über das südliche Afrika Waren vertreibt. Die Lagerhalle, die Richard mit Ndasenga und weiteren Helfern errichtet hat, brennt mitsamt der gestapelten Waren ab. Vermutlich war es Brandstiftung, die aber unaufgeklärt bleibt. Richard ist endgültig ruiniert und kehrt als sterbenskranker Mann mit seiner Familie nach Deutschland zurück.